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Heute starte ich im Webgeist Blog eine persönliche Reihe, weil ich zukünftig mehr von meinen eigenen Erfahrungen berichten mag.

Ich habe es unterschätzt, was es wirklich heißt, ein eigenes Unternehmen mit aufzubauen. Darum vergleiche ich die persönliche Weiterentwicklung heute mit einem Eisberg, wo der größte Teil versteckt unter Wasser liegt. Ich wusste nämlich zu Beginn gar nicht, wie groß dieser Eisberg werden kann! Mehr noch, ich kannte den Eisberg zuerst gar nicht.

Der Zauber einer neuen Welt

Bei mir war ja – anders als bei Richard – gar nicht der Wunsch da, Unternehmer zu werden. Ich wollte CMO, also Marketingchefin, sein. Heute lach ich mich darüber etwas kaputt. Ich erinnere mich nämlich noch gut an meine Naivität, die aber auch gleichzeitig wunderschön und voller Euphorie und Aufbruchsstimmung war. Ich hatte viel ‚Gründerwissen‘ aus „Höhle der Löwen“, der Start-Up-Show, die damals mit den ersten Staffeln im Fernsehen lief.

Ich wollte quasi angestellt, aber schon mitentscheidend in der Führungsebene sein. Weil wir ja ganz schnell ein riesen Unternehmen aufbauen! Yes. Ich dachte an großartige Artikel über mich in einer bekannten Zeitschrift über die Werbebranche. Dann hat man es geschafft. Heute sind sämtliche Printmedien in der Krise und ich bekomme das Heft zwar noch, aber wer weiß, wie lange noch.

Was bis dahin geschah

Dieses Angestellten-Denken kriegte ich lange nicht weg. Warum, das ist im Rückblick ganz logisch: Meine Eltern sind Angestellte, mein ganzes Umfeld ebenso. Ich arbeitete, bis ich 32 war, ebenfalls angestellt. Selbstständige waren für mich oft Handwerker oder Friseure. Unternehmer kannte ich nicht persönlich und mein Bild war von Konzernbossen im dunklen Anzug geprägt. Mit meinen früheren Agentur-Chefs hatte ich oft gar keine gemeinsame Ebene, weil ich den Kontakt vermied.

Ich war auch lange Zeit privat komplett anders als im Job. Ich hatte kreative Hobbys und lief Marathon. Ich ging auf Musikfestivals und feierte in Clubs. Ich suchte meine Erfüllung außerhalb des Jobs.

Ich fürchtete, zu sehr kontrolliert zu werden, wenn ich zu viel Persönliches preisgebe. Ich wollte mich nicht verletzlich zeigen. So ließ man mich als Kundenberaterin mein Ding machen, weil die Kunden zufrieden waren und es gut lief. Da bin ich einerseits dankbar.

Andererseits hatte ich nie Fortbildungen. Ich kann mich zumindest an keine einzige bewusst erinnern. Fachliche Infos gab es oft nur im Rahmen von Schulungen durch externe Dienstleister, die ein Tool für den Kunden bereitstellten. Also wirklich nur fachlich und ergebnisorientiert.

Fortbildungen im Bereich Soft Skills hatte ich im Rahmen meiner Anstellungen nicht. Ich wusste nicht mal von deren Existenz. Erst als Probleme auftraten, kaufte ich mir mal ein Buch mit dem Titel „Achtung: Kollegin: Wie Frauen mit weiblicher Konkurrenz souveräner umgehen können“. Ja, auch das allein sagt schon viel über meine Veränderung aus. Heute würde ich andere Frauen eher ansprechen und fragen, ob sie mich unterstützen können. Anstatt Angst vor ihnen zu haben. Beziehungsweise ich sehe andere eben gar nicht mehr als Konkurrenz und bin ja sehr gerne in Frauennetzwerken unterwegs. Ich möchte heute andere Frauen stärken.

Das Bewusstsein für eine Weiterentwicklung

Als mein Mann sich schließlich zuerst alleine selbstständig machte, da fuhr er relativ bald zu den Unternehmertagen von Stefan Merath (Unternehmercoach GmbH) und dessen damals größeren Speaker-Event, der Light The Fire Veranstaltung. Bücher lagen bei uns herum, ich merkte, da ändert sich was bei Richard. Unbewusst wusste ich damals, entweder ich entwickle mich ebenfalls weiter oder es wird mit unserer Ehe eher schwierig. Das war nie etwas, was offen im Raum stand. Aber es war mir klar. Rückwirkend kenn ich auch Geschichten von Unternehmer/innen, wo die Ehe daran zerbrach, weil einer sich weiterentwickelte und der Partner nicht.

Ich las dann auch als allererstes Buch #Girlboss von Sophia Amoruso. Ich las es im Urlaub, den ich erst nach einem Tag Verspätung antreten konnte, weil ein Kunde noch sein Reporting brauchte. Eine Vertretung hatte ich nicht, der Kunde bestand aber drauf, montags sein Reporting zu bekommen inklusive Call dazu. Da fingen die Überlegungen auch bei mir an.

Meine Gedanken gingen zuerst Richtung Führungskraft, ich wollte eigentlich mehr beruflichen Einfluss und endlich auch raus aus dem „nur ausführende Spezialistin“ sein. Unternehmerin? Never ever. Und in das Business von meinem Mann wollte ich nicht einsteigen, denn das hätte ganz sicher zu Streit geführt. Das war lange ein Glaubenssatz, ein rotes Tuch für mich. (Heute streiten und diskutieren wir oft lebhaft. Aber nicht vernichtend, sondern mit dem Ziel, eine Lösung für uns beide zu finden.)

Dann war der Wunsch nach Richtung inhouse da, weg von Agenturen. Hin zu einer Sportfirma, was meinem persönlichen Interesse sehr nahekommt. Thematisch ein Traumjob für mich. Doch es passte in der Realität nicht und ich ging in der Probezeit. Mein Learning ist heute aber, dass mich Sportfirmen immer noch reizen und ich zukünftig in diesem Bereich wieder Kunden betreuen möchte. Denn Sport, vor allem das Laufen, ist ein Thema, was mich schon Jahre durchs Leben begleitet.

Warum der Marketing-Eisberg mir nicht weiterhilft

Als ich dann schließlich in die erste Firma mit einstieg, war ich voller Euphorie und wollte alles richtig machen. Ich fing beim Marketing-Management-Prozess an, so wie ich es in meinem Studium gelernt hatte. Und kam nicht weit, am dritten Tag hatte ich schon einen Kundentermin. Insgesamt war deutlich mehr Praxis als Theorie gefordert. Mit der Hand am Arm, wie Jochen Schweizer in „Höhle der Löwen“ immer predigte. Das Corporate Design konnte ich immerhin noch grob entwerfen. Ich las erste Mindset-Bücher, aber kratzte noch ziemlich an der Oberfläche. Denn lesen ist noch nicht machen.

Den Marketing-Eisberg kenne ich aus dem E-Commerce-Bereich sehr gut. Es geht im Online Marketing so in die Tiefe, was da alles an Tools und Mechanismen mit reinspielen kann. Ich habe schon in so vielen Bereichen gearbeitet, vom frühen Influencer Marketing (was damals noch nicht so hieß), bis hin zur klassischen Werbung mit großen Plakaten am Flughafen, oder europaweiten Anzeigekampagnen. Immer sehr ‚corporate‘, ich kannte das Marketing von Konzernen oder zumindest Mittelständlern. Das Umdenken zu kleineren Firmen war auch eine Umstellung. Heute lerne ich auch fachlich noch einiges dazu, aber im Grunde ist dieses Know-how keine tiefgehende Weiterentwicklung. Denn dieses Wissen kann man einkaufen, also man kann ebenso externe Aufträge an Spezialisten dafür vergeben.

Was mich wirklich weiterbrachte und aus mir heute einen glücklicheren Menschen macht, ist tatsächlich dieses Unternehmer-Mindset und alles, was da noch mit dranhängt. Erfahre im nächsten Artikel, was für mich die prägendsten Erkenntnisse waren.